Mit dem Clifton Edge hat Hoka One One einen Schuh auf den Markt gebracht, der sich aufgrund seiner Fersenkonstruktion von allen anderen unterscheidetUnd das nicht nur optisch. Was bringt der auffällige Fersensporn? Gemäss Hoka hilft er, bei FersenläuferInnen eine sauberen und effizienten Bewegungsablauf aufrecht zu erhalten. Dies könnte gerade auf längeren Distanzen oder bei Vorermüdung (z.B. im Rahmen eines Halbironman oder Ironman) sehr interessant sein. Denn spätestens da wird fast jede oder jeder automatisch zum Fersenläufer. Ist der Schuh aber auch sonst laufbar und was sind die Vor- und Nachteile? Wir wollten es genau wissen und haben unserem Teamathleten Beat Burkhard den Auftrag gegeben, den Schuh auf Herz und Nieren zu testen. Beat ist ein begnadeter Läufer und hat vor allem ein sehr gutes Gespür für Schuhe.
Hier sein ungeschminkter Testbericht.

Vorbemerkung

Ich laufe Hoka One One Laufschuhe seit 2014. Das Modell «Clifton» hat es mir dabei besonders angetan. So habe ich von Jahr zu Jahr sämtliche Clifton Modelle von der Version 1 bis zur aktuellen Version 7 «durchlaufen». Der Clifton hat sich vom der 210g leichten, spartanischen, eher prototypischen Version 1 stetig weiterentwickelt – mal zum besseren, mal zum schlechteren.

Neu im Gestell des Fachhändlers taucht nun der Clifton «Edge» auf. Was hat es nun damit auf sich ?
Warum «Edge» und nicht eine weitere Version 8 ? Und vor allem, was ist denn das für eine seltsame Sohle, die da wie ein Spoiler nach hinten steht ?

Ich bekam von Tempo-Sport die Gelegenheit diesen neuartigen Schuh zu testen.
Meine Angaben basieren auf meiner persönlichen Erfahrung nach rund 55 Laufkilometern auf allen möglichen Böden, Terrain und Laufband.

Das Material

Obermaterial, Polsterung und Schnürung
Das Mesh-Material ist sehr leicht und atmungsaktiv. Der Stoff ist wenig dehnbar aber auch nicht steif, was einen guten Halt im Schuh verspricht.
Ganz vorne wird mit einem neuartigen Material «TPU Yarn» ein wasserdichter, gummierter Stoff eingesetzt. Dies ist ev. bei Nässe ein Vorteil und bringt eine gewisse Stabilität in den vordersten Bereich des Schuh’s…dazu später mehr.
Die Zunge ist anders als das aktuelle Modell vom Clifton 7 nur spartanisch gepolstert und hat mich etwas an den Clifton der Version 1 erinnert. Das ist eigentlich ein gutes Vorzeichen…denn vom Clifton 1 war und bin ich bis heute begeistert.
Wie beim Clifton 7 wird die Fersenkappe sehr weit nach oben gezogen. Dies hilft beim Einstieg und verspricht eine Stabilisierung im Fersenbereich ohne den Druck auf den heiklen Achillessehnenansatz zu erhöhen.
Die Fersenkappe ist straff aber nicht hart was mich schon seit jeher bei Hoka überzeugt hat. In meinem Fall (ich hatte massive, chronische Achillessehnen-Ansatz-Probleme) ermöglichten mir die Hoka Schuhe ganz grundsätzlich, dass ich überhaupt dem Laufsport treu bleiben konnte.
Die Schnürung besteht aus nicht elastischen und in der Länge für den Doppelknopf optimalen Schnürsenkeln.

Die Sohle
Mit der Sohle geht Hoka einmal mehr einen revolutionären Weg. Die Sohle besteht aus 3 verschiedenen Materialien, welche sehr gezielt platziert wurden. Die durchgehende Mittelsohle umfasst den ganzen Fuss und bildet die Basis für das Aussensohlenmaterial. Hier wird zwischen dem Fersenbereich und dem Mittelfuss differenziert.
Im Fersenbereich kommt ein eher weicheres Material zum Einsatz als im Mittelfuss.
Die Abfolge der Materialien und ihrer Eigenschaften ergeben eine interessante und für diesen Schuh spezielle Abrollbewegung von der Ferse über den Mittelfuss, Vorfuss und die Zehen.
Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Sohle weit über die Fersenkappen hinaus nach hinten gezogen ist…beim Testschuh sind das ca. 30mm.
Wie bei anderen Hoka-Modellen auch, läuft man direkt auf dem relativ weichen aber reaktiven Sohlenmaterial. Es gibt keine aufgesetzte «Abriebsfläche» Entsprechend schnell zeigen sich Abnützungsspuren. Das Material ist jedoch sehr zäh und langlebig.

Die Innensohle ist sehr dünn (1mm) und in den Schuh eingeklebt bzw. fixiert. Sie lässt sich sicherlich mit wenig Aufwand herauslösen, um eigene Innensohlen einzulegen. Das könnte jedoch zu Problemen mit der Passform/Grösse führen, da z.B. orthopädische Innensohlen sicher dicker sind als 1mm, das müsste bei der Wahl der Schuhgrösse berücksichtigt werden.

Die Sohle ist – Hoka-typisch – sehr breit und gerade geschnitten. Dies verleiht den Schuhen eine gute Stabilität

Der Code
Bei den aktuellen Modellen wird seitlich auf der Mittelsohle ein Code platziert.
«S36x20/V734/W246» ist hier zu erkennen. Des Rätsels Lösung:
«S» gibt die vertikale Distanz zwischen Boden und der Sohle bei der Ferse (36mm) und Zehen (20mm) an und zeigt, wie rund die sogenannte „Rocker-Form“ der Sohle ist.
«V» gibt einen Anhaltspunkt zur Dämpfung bzw. zum Volumen der Sohle.
«W» gibt das Gewicht in Gramm bei der Grösse US9 an.
Das Gewicht bei meinem Testschuh (Grösse US 8.5) ergab exakt 240g
Der Clifton 7 ist mit 235g – 5 Gramm leichter.
Die Sprengung beträgt beim Clifton 7 wie auch beim «Edge» 5mm.

Der „Geheimcode“ ist ein einfacher Weg, die verschiedenen Hoka-Modelle zu vergleichen

Die Passform
Ich habe die mir gewohnte Schuhgrösse von den Clifton Modellen gewählt. Ich bin jedoch etwas unsicher, ob ich nicht doch eine halbe Nummer kleiner hätte wählen sollen. Denn im Zehenbereich habe ich sehr viel Platz, sowohl seitlich wie nach vorne. Ich kann den Schuh jedoch sehr gut schnüren. Der Schuh passt in der Ferse und im Mittelfuss gut und satt. Im Zehenbereich bietet er mir zu viel Platz – das Obermaterial wölbt sich. Ich habe sehr schmale Füsse was beim Clifton 7 gut funktioniert. Beim «edge» ergibt mir das ein eher schwammiges bzw. zu freies Gefühl im Vorfuss.
Die Passform bei der für mich sehr heiklen Ferse ist exzellent. Hier wurde sehr sorgfältig gearbeitet und die Materialien und Polster sehr gut platziert.

Und wie läuft er sich nun, der «Edge»?

Der Schuh hat mich zunächst überrascht. Ich bin ein Mittelfussläufer. Beim Clifton 7 erwartet mich jeweils ein sehr gut gedämpftes aber trotzdem dynamisches, federndes Laufgefühl. Ich rolle (meistens) nicht über die Ferse und erhalte einen deutlichen Schub nach vorne nach dem Abstoss mit dem Mittelfuss.
Beim «Edge» ist es so, dass ich nun das Laufen über den Mittelfussbereich als straff (eher sogar etwas hart) empfunden habe. Zunächst habe ich das als positiv gewertet. Es ergab mir ein Gefühl von «Direktheit». Nach einigen Laufkilometern vermisse ich aber eine gewisse Dynamik und das Laufen wird etwas «stumpf».
Der Schuh kann aber mehr als das. Denn er ist meiner Meinung nach dafür gedacht und gebaut, dass man über die Ferse aufsetzt (over the «edge») und weiter nach vorne «rollt». Die verlängerte Ferse führt automatisch zu einem dynamischen Übergang von Ferse zu Mittel- und Vorfuss. Schlussendlich soll sogar ganz über die Zehen abgerollt werden…daher wurde auch das Sohlenmaterial ganz vorne bis hoch zur Zehenkappe gezogen, vermutlich wurde deshalb auch dort das Material «TPU Yarn» verbaut.

Die Sohle wird bis in die Zehenbox hochgezogen und mit dem Material „TPU Yarn“ verstärkt.
Die Sohle kann auch zum kleinen Kieselfänger werden.

Beim Laufen auf Kies verfangen sich leider sehr rasch die «passenden» Steine in der Sohle und bleiben dort stecken bis man sie nach dem Lauf mit einem Werkzeug wieder herauskratzt. Das ist nicht optimal…stört aber eigentlich beim Laufen nicht.

Beim Laufen auf dem Laufband ist mir aufgefallen, dass man sich stark statisch auflädt – was sehr unangenehm ist – denn sobald man z.B. die Geschwindigkeit des Bandes verstellen will, ergibt sich ein «Entladungs-Strom-Zwick».
Gut möglich, dass das nur bei meinem Laufband so ist. Gestört hat es mich trotzdem…ich werde mit dem Schuh nicht mehr auf dem Band laufen.

Das Laufen im Terrain, bei unebenen Verhältnissen, Single-Trails etc. ist sicher nicht die Stärke vom «Edge». Auf Kies ist der Grip der Sohle eher schwach.
Mit dem Schuh ist man auf der (Asphalt-) Strasse am Besten aufgehoben.

Eine klare Stärke ist das Laufen bergab. Hier rollen die meisten Läufer über die Ferse. Je steiler je mehr. Hier landet man unglaublich sanft und bekommt ein komfortables, sicheres Gefühl.

Zum Thema Stabilität und Dämpfung

Immer noch werden Laufschuhe nach «neutral» oder «stabil» klassifiziert.
Hoka ist auch unter diesem Aspekt seit jeher einen anderen Weg gegangen. Auch wenn die meisten Hoka-Modelle als «neutral» gelten, so ergibt die sehr breite Sohle und somit sehr breite Auflagefläche für den Fuss eine gute Stabilität. Ein leichtes «Einknicken» nach innen (Pronation) oder nach aussen (Supination) wird vielfach automatisch verbessert. Starke «Pronierer» benötigen wohl aber besser gestützte Modelle als den «Edge».
Im Vergleich zum Clifton 7 habe ich das Gefühl erhalten, dass der «Edge» mich weniger stützt. Ev. liegt das auch hier daran, dass ich den Schuh zu wenig über die Ferse gelaufen bin.
Die Dämpfung ist im Vergleich zum Clifton 7 im hinteren Fersenbereich eher besser. Im Mittelfuss und Vorfuss dagegen eher straffer und weniger reaktiv bzw. der «Feder-Effekt» (Rebound) ist hier weniger ausgeprägt als beim Clifton 7.

Analytischer Vergleich Clifton und Clifton Edge im Praxistest

Dann wollte ich es genauer wissen und habe daher mit dem Stryd-Sensor verschiedene-Werte auf einer Testrunden mit dem Clifton 7 verglichen.
Die Teststrecke ist 3.1km lang und bietet einen Mix aus Asphalt und Kies bei leicht welligem Terrain.
Ich lief jeweils eine Runde bewusst locker mit einem +/- 5’km Schnitt und gleich im Anschluss die Runde mit einem +/- 3’45/km Schnitt.

Clifton 7
Runde 1: locker, 14’54“

Maximale Watt 238W, Schrittfrequenz 170 spm, Bodenkontaktzeit 257 ms.

Clifton „Edge“
Runde 1: locker 14’57“

Maximale Watt 231W, Schrittfrequenz 171 spm, Bodenkontaktzeit 255 ms

In diesem Geschwindigkeitsbereich läuft es sich mit beiden Schuhen sehr effizient. Als Mittelfussläufer bevorzuge ich den Clifton 7, da ich sanfter lande und subjektiv einen besseren Schub nach vorne erfahre. Die «Bergab»-Passage bin ich mit dem Eedge» bewusst auf der Ferse gelaufen und war eher schneller und komfortabler unterwegs.

Clifton 7
Runde 2: zügig, 11’34“

Maximale Watt 309W, Schrittfrequenz 180 spm, Bodenkontaktzeit 208 ms.

Clifton Edge
Runde 2: zügig, 11’35“

Maximale Watt 302W, Schrittfrequenz 181 spm, Bodenkontaktzeit 213 ms.

In diesem Geschwindigkeitsbereich habe ich den «edge» als direkten Schuh empfunden…fast vergleichbar mit einem minimalistischen «Racing»-Schuh. Wohingegen der Clifton immer noch eher weich im Mittelfuss ist, habe ich beim «Edge» einen straffen, kompakten Aufprall erlebt – was aber auch einen direkteren Abstoss ergibt, was ich positiv werte.

Interessant ist, dass ich die jeweils zu vergleichenden Runden fast auf die Sekunde genau gleich schnell gelaufen bin. Die Watt-Werte und die Bodenkontaktzeit sind praktisch identisch zwischen den beiden Schuhmodellen…mit gutem Willen betrachtet, schneidet der «Edge» aber ganz leicht besser ab (weniger hohe Wattleistung bei gleicher Pace).

Im Hinblick auf einen langen Lauf z.B. Halbmarathon oder Marathon würde ich persönlich den Clifton 7 vorziehen, da ich die gut dämpfende Sohle für meinen Laufstil im Hinblick auf die Ermüdung bevorzuge.

Fazit

Der «Edge» ist ein interessanter Schuh, welcher vor allem für längere Distanzen und dort für das Laufen über die Ferse geschaffen ist. Ich sehe hier vor allem auch einen Vorteil bzw. Einsatz im Triathlon-Langdistanzbereich, wo viele kaum noch dynamisch einen Marathon laufen können und je länger je mehr «in den Schuh hineinlaufen». Hier könnte die Unterstützung der Abrollbewegung helfen besser und schneller über die Runden zu kommen.
Der Einsatz bei stark hügligem Gelände (mit Vorteil auf Asphalt) könnte ebenfalls vielversprechend sein da man mit dem «Edge» einfach gerne und schnell bergab laufen kann.

Wie man in diesem Vergleich gut sieht, ist die Wahl des Laufschuhs wohl so individuell wie der jeweilige Laufstil selbst. Es gibt kaum ein «one-fit’s-all» Laufschuh. Eine entsprechende Beratung im Fachgeschäft ist daher sehr wichtig um den passenden Schuh zu finden.


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Marcel Kamm

Marcel Kamm

Autor

Mitinhaber, Geschäftsführer. Verantwortlich für Kommunikation, Trainingsplanung, Seminare. Marcel kümmert sich um alle Belange der Kommunikation, Positionierung, Strategie und Geschäftsentwicklung. Zudem betreut er als erfahrener Coach Athletinnen und Athleten aus Triathlon, Lauf- und Radsport.

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