Cannondale SystemSix: Viel Zug nach vorne

Lange hat es gedauert: Doch nun ist Cannondale mit einem neuen Aero-Rennvelorahmen auf den Markt gekommen. Und wie! Das SystemSix wurde von Grund auf neu konstruiert und ausgiebig getestet. Gemäss Cannondale (in eigenen Test ermittelt) der momentan schnellste Aero-Rennvelorahmen auf dem Markt. Wir haben das Velo in den letzten Wochen ausgiebig getestet. Hier unsere Eindrücke.

Was als erstes auffällt an diesem Aero-Geschoss ist die betont aerodynamische Form mit einigen Kanten und eher wenig Rundungen. Das entspricht dem modernen Aero-Rahmenbau und spiegelt die neusten wissenschaftlichen Kenntnisse. Klare Abrisskanten, grosszügige Rohrdurchmesser, totale Integration aller Teile, die irgendwie im Wind stehen könnten. So geht moderner Aerorahmenbau. Dazu ist zu sagen, dass dieses konsequente Konzept vor allem bei den beiden Top-Rahmen (elektronische Schaltung) durchgezogen wurde. Die zwei etwas günstiger ausgestatteten Versionen (mechanische Schaltung) lassen hier und da noch ein Kabel erahnen und verwenden nicht die total integrierten Vorbau-Lenker-Kombinationen. Doch dazu später noch ein Wort. Lassen wir die ersten Eindrücke mal hinter uns und setzen uns auf dieses Aero-Geschoss. Wir sind total rund 200 Kilometer gefahren, flach und hügelig, Abfahrten und steile Anstiege. Kurz: Typische Schweizer Topografien.

Wer sich zum ersten Mal in den Sattel eines SystemSix schwingt, merkt schon nach wenigen Metern: Hier geht die Post ab. Vor allem bei flachen Strecken fällt es schwer, nicht immer Vollgas zu geben. Unglaublich, wie ein solches Velo Spass machen kann. Doch auch mit einem SystemSix werden die Beine müde und irgendwann kommt der erste Hügel. Wenn dieser nicht allzu steil ist, kann das Velo den Schwung sehr gut mitnehmen und klettert entsprechend gut. Aerodynamische Vorteile spielen bis mehrere Grad Steigung eine grössere Rolle als das Gewicht. Bei steilen Rampen fällt das etwas höhere Gewicht (unser Testvelo mit Dura Ace DI2 und Aerorädern wiegt rund 7,5 Kilogramm) dann eher auf. Eine radikale Klettergeiss ist das SystemSix sicherlich nicht. Gewichtsfetischisten werden mit diesem Velo nicht glücklich. Weil der Rahmen aber – wie üblich bei Cannondale – extrem steif ist und sehr direkt reagiert, kann das SystemSix bei kurzen steilen Rampen sehr gut mithalten. Bei längeren Steigungen oder Alpenpässen dürfte sich das Gewicht dann eher etwas negativ auswirken. Aber die wenigen hundert Gramm mehr als ein Klettervelo können bei den meisten Fahrern – Testfahrer inklusive – locker auch an anderer Stelle eingespart werden. Die bei allen Versionen montierten Scheibenbremsen und die extrem steife Gabel-Rahmenkombi lassen die Abfahrten dafür zur wahren Freude werden. Ein anfängliches Pfeifen der Bremsen hat sich bei unserem Velo schnell gelegt, die Bremsen packen beherzt zu und entwickeln zuverlässig Bremskraft. Die Kurven können deutlich später angebremst werden, was in Rennsituationen sicherlich ein grosser Vorteil ist. Im normalen Strassenverkehr sind Scheibenbremsen zudem ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsfaktor, speziell bei nassen Verhältnissen.

Die grossen Stärken des SystemSix liegen sicherlich in den flachen oder leicht coupierten Strecken. Da fühlt es sich manchmal schon fast an, als sitze man auf einem Zeitfahrvelo. Wenn der Schwung mal aufgebaut ist, fahren sich auch 36, 38 oder 40 km/h gefühlt locker. Auf der Seestrasse rund um den Zürichsee oder im coupierten Mittelland sicherlich eine Geheimwaffe.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist der sehr geringe Lenkereinschlag. Das ist bei normaler Fahrt nicht relevant, weil man da ja nicht wirklich grosse Lenkerbewegungen macht. Aber im Stand an Ort umdrehen oder im Schritttempo eine enge Kurve fahren ist kaum möglich. Dies ist aber im Alltag nicht wirklich wichtig und man gewöhnt sich schnell daran. Der geringe Einschlag hängt mit dem engen Raum zwischen Gabel und Rahmen zusammen, welcher aus aerodynamischen Gründen minimal gehalten wurde. Der Rahmen erlaubt das Aufziehen von bis zu 25 Millimeter dicken Reifen. Für die meisten genügt das. Ein Gravel-Bike ist das SystemSix aber nicht. Das hängt aber auch mit der Sitzposition zusammen: Zwar sind auch längere Fahrten (unsere längste betrug knapp 3 Stunden) auf dem SystemSix angenehm zu fahren. Allerdings ist das Velo in einer Renngeometrie gebaut, also recht aggressiv und die Sitzposition ist entsprechend gestreckt. Doch ehrlich: Wer möchte auf einem solchen Velo allzu auftrecht sitzen? Dafür gibt es (auch bei Cannondale) andere Modelle. Hier geht es um Speed und Vortrieb.

Das von uns getestete Modell, ein SystemSix Hi-Mod Dura Ace DI2, wird wie auch das Hi-Mod Ultegra DI2 mit einem bereits eingebauten Powermeter von Power2max ausgeliefert. Dieses kann gegen eine einmalige Gebühr freigeschaltet und dann auf Lebzeiten benutzt werden. Zudem ist eine voll integrierte Vorbau-Lenkerkombination verbaut. Mit einem Adapter kann eine Garmin-Halterung mitten auf dem Lenker montiert werden. Das ist sehr schön gelöst. Allerdings besitzt dieser Lenker den Nachteil, dass kein Triathlonaufsatz montiert werden kann.  Die beiden anderen Modelle (mit mechanischer Schaltung) sind diesbezüglich deutlich triathletenfreundlicher. Dort weist der Lenker eine spezielle Aufnahme für einen Triathlonlenker auf.

Unser Fazit: Cannondale hat lange gebraucht, um mit einem Aero-Rennvelorahmen auf den Markt zu kommen. Doch das Warten hat sich definitiv gelohnt! Wir sind alles in allem sehr begeistert. Das Velo kommt nahe an unsere Vorstellung eines perfekten Aero-Rennvelos heran.

2018-10-19T15:38:04+00:00Oktober 19th, 2018|In eigener Sache|